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Ich tippe keinen Code mehr. Ich rede mit Agenten.

Wie ich per Sprache drei Agenten dirigiere: Claude plant und baut, Codex prüft, ich entscheide.

Heute Nachmittag habe ich Claude gebeten, Grafiken mit „Canvas" zu machen. Gemeint war Canva. Ein paar Nachrichten davor wollte ich wissen, wo das Backup in meinem „One-Dive" liegt. Beides kam so aus meinem Mikrofon, beides hat Claude richtig verstanden, und beides habe ich erst beim Nachlesen gemerkt.

Ich programmiere per Sprache. Seit Oktober 2025 diktiere ich mit Wispr Flow, und was ich sage, landet als Anweisung bei Claude Code. Getippt wird nur noch in der Firma, wenn ich die Kollegen mit meinem Gespräch mit der KI stören würde. Sonst rede ich einfach drauflos.

Die Idee habe ich mir bei Peter Steinberger abgeschaut

Inspiriert haben mich zwei Podcasts mit Peter Steinberger, dem Entwickler von OpenClaw. Bei Index out of bounds erzählt er auf Deutsch, wie ihn Agentic Coding gepackt hat, und das ziemlich fanatisch. Bei Lex Fridman beschreibt er genau, wie er arbeitet: mehrere Agenten parallel, Eingabe nur per Sprache über Wispr Flow, und er selbst orchestriert.

Hängen geblieben ist ein Gedanke: Programmieren tue ich dabei nicht mehr selbst. Ich dirigiere Agenten, die im Hintergrund arbeiten, mir Ergebnisse und Entscheidungen zuspielen und bei Unklarheiten nachfragen. Das wollte ich an einem echten Projekt ausprobieren.

Das Projekt: eine Montageanleitung vom iPhone

Die Web-App soll einem Mitarbeiter in der Produktion helfen, beim ersten Zusammenbau eines Geräts gleich die Montageanleitung mitzuschreiben: Fotos, Arbeitsschritte, Werkzeuge, alles am iPhone. Per Knopfdruck kommt ein fertiges Word-Dokument im Firmenlayout heraus, mit PDF-Vorschau am Handy.

Begonnen habe ich am 22. September. Sechs Tage später stehen im Repository 169 Commits, acht Umsetzungspläne, neun Architekturentscheidungen und 936 automatische Tests. Den Code dazu habe ich nicht getippt.

Drei Rollen, eine Anweisung

Damit das nicht im Chaos endet, hat jeder Agent eine feste Rolle. Im Review-Protokoll des Projekts steht sie bei jedem Lauf dabei.

Claude Code ist der Host. Er plant mit mir, schreibt die Umsetzungspläne und koordiniert. Ein zweiter Claude ist der Builder: Er setzt einen freigegebenen Plan Aufgabe für Aufgabe um, immer zuerst den Test, dann den Code. Codex ist der Inspektor. Er bekommt Plan oder Code in einer frischen Sitzung, ohne Vorgeschichte, und darf nur lesen (codex exec -s read-only). Sein Urteil lautet REVISE oder APPROVED, mit konkreten Befunden.

Diagramm: Ich in der Mitte, per Sprache. Claude Code als Host, Claude als Builder, Codex als Inspektor in frischer Sitzung. Rückfragen gehen an mich, Entscheidungen zurück an die Agenten.

Alle drei lesen dieselbe Datei: AGENTS.md. Dort stehen der aktuelle Stand, die Ordnerstruktur, die Begriffe aus dem Glossar und eine Handvoll Regeln, die nicht verhandelbar sind. Etwa: Jede Bildunterschrift im Dokument hat genau drei Zeilen, sonst verrutschen die Fotos. Eine eigene CLAUDE.md gibt es bewusst nicht. So kann kein Agent eine Sonderversion der Wahrheit bekommen.

Zwei Kleinigkeiten haben sich als wichtiger herausgestellt, als ich dachte. Das Review-Protokoll wird nur ergänzt, nie überschrieben. Und eine Freigabe hängt am SHA256-Hash des Plans. Ändert sich eine Zeile im Plan, ist die Freigabe weg und Codex muss noch einmal ran.

Wie sich das Dirigieren anfühlt

Ein Ausschnitt von heute Nachmittag. Codex prüft im Hintergrund einen Plan. Parallel spielt ein Skript jede Aufgabe des Plans nach, ein zweites baut absichtlich 34 Fehler in den Code ein, um zu sehen, ob die Tests sie fangen. Ich rede in der Zwischenzeit mit Claude über etwas ganz anderes, nämlich über das Backup und über diesen Blogbeitrag.

So sehen die meisten meiner Eingriffe aus. Befund annehmen oder ablehnen. Eine Rückfrage beantworten. Beim Fundament der App waren zwei Codex-Inspektionen eingeplant, nach der zweiten war ein Fix noch ungeprüft. Ohne meine Zustimmung hätte er als „nicht unabhängig inspiziert" gegolten. Ich habe das Budget auf drei erhöht, die dritte Inspektion kam mit APPROVED zurück. Getippt habe ich dafür nichts.

Was die Sprache ändert

Ich schreibe beim Reden längere Anweisungen als beim Tippen. Meine Nachricht zu diesem Blogbeitrag war ein einziger gesprochener Absatz mit Zielgruppe, Ton, Grafikwunsch, Aufteilung und der Warnung, dass es nicht nach Vibe Coding klingen darf.

Dass daraus trotzdem ein brauchbarer Prompt wird, liegt an Flow. Die App kürzt das Gesprochene sinngemäß zusammen und gliedert es logisch. Was bei Claude ankommt, ist geordneter als das, was ich gesagt habe. Den Sinn trifft Flow dabei bisher perfekt.

Einen Schreibtisch brauche ich dafür auch nicht. Flow nutze ich genauso unterwegs: in der Straßenbahn, auf dem Fahrrad, im Kaffeehaus.

Wispr Flow führt darüber Buch. 206.777 Wörter habe ich bisher diktiert, laut Flow sind das zwei komplette Bücher. Im Schnitt rede ich mit 99 Wörtern pro Minute, damit liege ich bei den Top 3 % der Nutzer. Zum Vergleich habe ich einen Tipptest gemacht: 65 Wörter pro Minute bei 98 % Genauigkeit. Reden ist bei mir also gut eineinhalbmal so schnell.

Balkenvergleich: Sprechen mit 99 Wörtern pro Minute, Tippen mit 65 Wörtern pro Minute. Darunter 206.777 diktierte Wörter, 75 % der Desktop-Diktate sind KI-Prompts, 1.535 KI-Prompts am Desktop.

Aufschlussreich ist, wofür. Am Desktop sind 75 % meiner Diktate KI-Prompts, 1.535 Stück. Persönliche Nachrichten kommen auf 5 %, E-Mails auf 2 Stück. Ich rede also vor allem mit Agenten.

So sieht das in der Statistik von Flow selbst aus. Die Kalenderansicht rechts zeigt Juni bis September; meine längste Serie waren 30 Tage am Stück.

Screenshot der Wispr-Flow-Statistik: 99 Wörter pro Minute (Top 3 %), 15.815 Korrekturen, 206.777 diktierte Wörter, Desktop-Nutzung mit 75 % KI-Prompts, Kalenderansicht von Juni bis September mit längster Serie von 30 Tagen

Die Erkennungsfehler stören kaum. Flow selbst hat 15.815 Korrekturen gemacht, 11.062 Wörter korrigiert und 4.753 über das eigene Wörterbuch. „Canvas" statt Canva, „One-Dive" statt OneDrive, einmal ein halber Satz, der beim Lesen keinen Sinn ergibt. Wo der Sinn nicht eindeutig war, hat Claude seine Deutung dazugeschrieben und mich gefragt, ob sie stimmt.

Zwei Agenten, ein Ordner

Ganz ohne Reibung läuft das Orchestrieren nicht. Heute haben zwei Claude-Sitzungen gleichzeitig in derselben Arbeitskopie gearbeitet, eine davon noch aus der Zeit vor einem /compact. Die ältere hat mit einem git checkout die Tests zurückgesetzt, die die neuere gerade geschrieben hatte.

Aufgefallen ist es, weil das Werkzeug meldete, die Datei habe sich seit dem Lesen geändert. Danach haben sich die beiden Sitzungen per Nachricht abgestimmt, wer weitermacht, und die ältere hat die Finger vom Ordner gelassen. Parallele Agenten brauchen getrennte Arbeitsbereiche. Oder wenigstens einen, der den anderen fragt.

Den nächsten Plan diktiere ich auch

Eineinhalbmal so schnell reden wie tippen ist der kleinere Teil der Rechnung. Mehr bringt mir, dass ich nebenbei weiterarbeiten kann. Während Codex prüft und die Skripte laufen, diktiere ich die nächste Anweisung oder beantworte eine Rückfrage mit einem Satz. Heute Nachmittag ist so der Plan für den Werkzeugkatalog durchgelaufen: Prüflauf, Freigabe, Umsetzung und Code-Inspektion bis zum Abend. Eine Zeile Code habe ich dafür nicht getippt.

Als Nächstes kommt das Abschlussprotokoll mit der Sicherung, der heikelste Teil der App. Auch den plane und entscheide ich per Sprache. Ob ich dafür doch wieder zur Tastatur greifen muss, sehe ich in den nächsten Tagen. Und warum das alles trotz Sprache kein Vibe Coding ist, erzähle ich im nächsten Teil.